Wie wählt man den geeigneten Ort für eine Szene aus? Und wie beschreibt man diesen Ort am Besten? Bei meiner Arbeit mit Studenten fällt mir auf, dass Handlung und Dialog im Mittelpunkt der Szene stehen, während die Orte an denen die Szenen stattfinden, oft stiefmütterlich behandelt werden. Bei vielen studentischen Filmen, die nicht handlungsgetrieben sind, finden zentrale Szenen häufig auf einer Parkbank, in einem Cafè oder auf einer Party statt. Abgesehen davon, dass diese Wahl sehr unspezifisch ist und in den meisten Fällen so gut wie nichts über die Figuren aussagt und auch nicht wesentlich Stimmung oder Tonfall der Geschichte transportiert, sind die Figuren dann dazu verdammt, statisch irgendwo zu sitzen oder herumzustehen und ihren Dialog abzuliefern. Eine vertane Chance, da eine gut gewählte Location die Geschichte und ihre Figuren nicht nur verortet, sondern gleichzeitig maßgeblich zur Handlung, Stimmung, Tonfall und Thema des Films beitragen kann.

Deshalb möchte ich einen kurzen Blick darauf werfen, mit welchen Fragen sich eine Drehbuchautorin oder ein Drehbuchautor beschäftigen sollte, wenn er oder sie den Ort auswählt und welche Konsequenzen die Wahl für die Handlung und die Figuren hat.

Standardorte für Standardszenen?

Meist wird entschieden: was ist der plausibleste und naheliegendste Ort für das, was in dieser Szene passiert. Wenn wir zum Beispiel eine Standardszene in einem Krimi – das Verhör – haben, dann ist es naheliegend, dass diese Szene im Büro auf der Wache oder bei schweren Straftaten im Verhörzimmer der Kripo stattfindet. Trotzdem kann man sich fragen: gibt es für meine Verhör-Szene einen besseren, interessanteren Ort? Und anschließend fünf völlig unterschiedliche Ideen für andere Handlungsorte im Kopf durchspielen. Nun wird es in diesem spezifischen Beispiel in den seltensten Fällen möglich sein, die Szene auf ein Hochhausdach, in ein Kellerverlies oder in ein Fahrzeug, das mit 150 Sachen über die Autobahn brettert, zu verlegen. Es gibt gute und vor allem juristische Gründe dafür, dass verdächtige Personen in fast allen Fällen auf dem Kommissariat in einem dafür vorgesehenen Raum vernommen werden. Aber zumindest hat man die Aufgabe, sich in diesem Fall zu überlegen: was unterscheidet meinen Raum von den unzähligen anderen Verhörzimmern, die ich tagtäglich in unzähligen Krimis zu sehen bekomme? Welche Details machen diesen Ort spezifisch und eigen? Etwas, was über das Verhör hinaus noch etwas erzählt? Ist das Gebäude möglicherweise baufällig und die Decke an einer Stelle undicht und wir hören die ganze Zeit über das nervige Tropfen in einen Pappbecher, den jemand an dieser Stelle auf den Fußboden gestellt hat? Was passiert, wenn der Raum statt fensterlos/mit den oblitagorischen, flackernden Neonleuchten, sonnendurchflutet ist? Und sollten Sie dennoch wieder im Standard-Verhörraum landen – vielleicht können Sie zumindest an der üblichen “Sitzordnung” (Kriminalbeamter und Verdächtiger sitzen sich an den Längsseiten eines Tisches – meist des einzigen Tisches im Raum – gegenüber) etwas ändern? Was passiert mit der Szene, wenn die beiden über Eck sitzen? Wie beeinflußt dies das Verhör und was sagt das über den Kriminalbeamten aus? Kriegen wir damit vielleicht eine weniger standardisierte, interessantere Szene hin?

Location als weiterer Charakter in einer Geschichte

In den meisten Fällen ist ein Ort für die Handlung nicht, so wie in dem obigen Beispiel, zwingend vorgegeben. In diesen Fällen können Sie sich fragen: welches Gefühl soll der Ort beim Zuschauer hervorrufen? Ist er warm? Kalt? Einladend? Bedrohlich? Auf welche Art und Weise interagieren die Figuren mit dem Umfeld und damit auch mit dem Ort? Was hat der Ort mit den spezifischen Ereignissen dieser Szene zu tun? Und was mit der Figur? Ist der Ort ihr vertraut oder fühlt sie sich dort fremd? Wo befindet sich die Hauptfigur während diesem Punkt der Geschichte in ihrer emotionalen Reise und wie spiegelt sich dies in der Wahl des Ortes? Welche alternativen Orte fallen Ihnen ein, an denen sich diese Szene auch ereignen könnte? Und welche Konsequenzen für die Szene hätte dies? All diese Fragen helfen Ihnen dabei, unverwechselbare und interessante Handlungsorte zu finden, die etwas über ihre Figuren und ihre Geschichte erzählen und einer Szene eine eigene Textur geben. Und mit Hilfe derer Sie eine spannende Welt erschaffen, hoffentlich jenseits von Cafès, Parties und Parkbänken.

In den meisten Fällen ist ein Ort für die Handlung nicht, so wie in dem obigen Beispiel, zwingend vorgegeben. In diesen Fällen können Sie sich fragen: welches Gefühl soll der Ort beim Zuschauer hervorrufen? Ist er warm? Kalt? Einladend? Bedrohlich? Auf welche Art und Weise interagieren die Figuren mit dem Umfeld und damit auch mit dem Ort? Was hat der Ort mit den spezifischen Ereignissen dieser Szene zu tun? Und was mit der Figur? Ist der Ort ihr vertraut oder fühlt sie sich dort fremd? Wo befindet sich die Hauptfigur während diesem Punkt der Geschichte in ihrer emotionalen Reise und wie spiegelt sich dies in der Wahl des Ortes? Welche alternativen Orte fallen Ihnen ein, an denen sich diese Szene auch ereignen könnte? Und welche Konsequenzen für die Szene hätte dies? All diese Fragen helfen Ihnen dabei, unverwechselbare und interessante Handlungsorte zu finden, die etwas über ihre Figuren und ihre Geschichte erzählen und einer Szene eine eigene Textur geben. Und mit Hilfe derer Sie eine spannende Welt erschaffen, hoffentlich jenseits von Cafès, Parties und Parkbänken.

 

(*Um Mißverständnissen vorzubeugen: ich habe absolut nichts gegen Cafés, Parties oder Parkbänke. Auch nicht in Filmen. Aber bitte nur da, wo sie auch tatsächlich etwas erzählen und nicht nur, weil der Autor oder die Autorin sich nicht näher mit dem Ort beschäftigt haben und es eben das Naheliegendste ist.)

 

 

© 2018   Nicole Mosleh